I like Europa, Europa like me

– Ausstellung bis 18. Januar –

Pavel Miguels für die Mitgliederausstellung im Badischen Kunstverein Karlsruhe geschaffenes Werk entfaltet eine vielschichtige Allegorie der gegenwärtigen geopolitischen Ordnung. Die Skulptur zeigt eine in EU-Blau gefärbte Hündin mit europäischen Sternen – eine deutliche Reminiszenz an die Lupa Capitolina – über einem vergoldeten männlichen Körper, dessen Hose die amerikanische Flagge trägt. Der Mann liegt unter ihr und saugt an ihren Zitzen. In dieser drastischen Umkehrung des Gründungsmythos wird Europa zur nährenden, zugleich aber gefährdeten Figur, während der US-Körper in seiner glänzenden Materialität eine Mischung aus Machtgestus und Abhängigkeit verkörpert.

Diese Gegensätzlichkeit wird nicht nur ikonografisch, sondern auch materialästhetisch präzise ausgearbeitet. Europa ist aus Hartgips aufgebaut – ein Material, das zwar formbar und präsent ist, zugleich jedoch eine gewisse Zerbrechlichkeit und Vulnerabilität in sich trägt. Amerika hingegen besteht aus hartem, fest gebranntem Ton, einem Material von größerer Dichte und Dauerhaftigkeit. Die Differenz zwischen beiden Körpern wird so buchstäblich spürbar: Während Europa als tragende, nährende Struktur erscheint, deren Stabilität jederzeit gefährdet ist, manifestiert sich Amerika als kompakte, widerstandsfähige Form. Die geopolitische Asymmetrie setzt sich damit bis in die Materialwahl fort.

Auf kunsthistorischer Ebene knüpft Miguel an eine Tradition der mythologischen Relektüre an, wie sie seit der Renaissance immer wieder genutzt wurde, um politische Ordnungen symbolisch zu verhandeln. Doch wo klassische Heroisierungen den Körper als Schauplatz von Größe und Gründung inszenieren, unterläuft der Künstler diese ikonografische Logik konsequent: Die heroische Figur wird infantilisiert, das mythisch Aufgeladene kippt ins Groteske, und das Versprechen politischer Erneuerung weicht einer Metapher struktureller Abhängigkeit. In der Körperlichkeit der Skulptur – Europa als Tiergestalt, die trägt und nährt, Amerika als harter, konsumierender Körper – spiegelt sich eine Entwicklung, die in der zeitgenössischen Kunst seit den 1990er Jahren zunehmend sichtbar wird: Der menschliche Körper fungiert als Austragungsort geopolitischer Machtverhältnisse.

Gleichzeitig greift die Arbeit eine deutsche Kunsttradition auf, die politisches Denken und symbolische Bildsprache eng miteinander verknüpft. Besonders deutlich wird dies im Bezug auf Joseph Beuys’ Aktion I Like America and America Likes Me (1974). Während Beuys in seiner Begegnung mit dem Kojoten eine rituell aufgeladene Möglichkeit der Verständigung zwischen den kulturellen und politischen Sphären Amerikas und Europas suchte, radikalisiert Miguel dieses Verhältnis. Aus dem performativen Dialog wird bei ihm eine körperliche, fast schon brutale Allegorie: keine heilende Begegnung mehr, sondern ein Bild der ökonomischen und politischen Extraktion. Die mythologische Tiergestalt, bei Beuys Symbol für Wunde, Geist und Geschichte, wird hier zur Nährfigur, deren Materialität selbst ihre Gefährdung offenlegt.

Damit zeichnet Miguel ein Bild, das sowohl die aktuellen Verschiebungen im transatlantischen Verhältnis reflektiert als auch die inneren Unsicherheiten Europas sichtbar macht. Die Skulptur stellt nicht nur die Frage nach Macht und Abhängigkeit, sondern auch nach Stabilität, Dauer und kultureller Resilienz. In der bewussten Gegenüberstellung von Hartgips und gebranntem Ton materialisiert sich eine politische Diagnose: Europa erscheint als formbar, tragend, aber fragil – Amerika als fest, verdichtet und widerständig. Miguel übersetzt geopolitische Spannungen in eine körperliche und materielle Erzählung, die archaisch wirkt und zugleich unmittelbar gegenwärtig ist.

Materiel: Hartgips und Keramik

Größe: 120x90x50

(Anton Goll)